Perfect Dogs

nonverbale Hundeerziehung
artgerecht und gewaltfrei

Mein Hund ist nicht erziehbar

Dalmatiener in der HundeschuleWenn dieser Satz fällt, ist meist auch die Motivation und die Freude am Umgang mit seinem Hund an einem Tiefpunkt angelangt und man versucht sich irgendwie mit den Problemen zu arrangieren, da sie scheinbar nicht zu ändern sind. Häufig ist es nicht die eigene Erkenntnis, die einen zu dieser Aussage treibt. In der Regel ist man hochmotiviert, selbst wenn es nach dem Besuch der dritten Hundeschule noch immer keine Fortschritte zu verzeichnen gibt. Aber irgendwann erhält man die Aussage, dass der Hund nicht erziehbar sei, dass es sich um ein Alphatier handelt was nie Gehorsam lernen wird oder das das Verhalten in der Rasse begründet ist und man damit klarkommen muss. Schließlich hat man sich ja für diese Rasse entschieden. Zu guter Letzt hat man noch ein schlechtes Gewissen, warum man sich überhaut einen Hund angeschafft hat.

Aber gibt es tatsächlich Hunde, die unfähig zum Lernen sind? Natürlich nicht. Nur in extremen Ausnahmefällen zeigen Hunde Lernblockaden oder artuntypisches Verhalten, welches nur schwer reversibel ist. Dies kann  zum Beispiel bei neuronalen Erkrankungen, Schmerzen, Phobien oder besonders extremen Erlebnissen im Welpenalter der Fall sein. Selbst Hunde, die in der Prägephase kaum Sozialverhalten erlernt haben sind fähig zu lernen und die Erfahrungsdefizite nachzuholen. Durch die Fähigkeit zu lernen ist der Hund auch erziehbar.

In den meisten Fällen, die mir bekannt sind, bedeutet „nicht erziehbar“ nur, dass die angewandten Trainingsmethoden nicht den gewünschten Erfolg erzielt haben. Aber wenn eine Lehrmethode keinen Erfolg hat, liegt es dann an der Methode oder am Schüler? Ein Schüler kann nicht schuld sein an dem was er nicht weiß. Wissen zu vermitteln ist die Aufgabe des Lehrers. Wenn er das nicht kann, wird auch der beste Schüler nichts lernen.

Lernt Ihr Hund also nichts, dann hinterfragen Sie zu aller erst die Lernmethode.

Da in der heutigen Zeit die meisten Hunde Erziehung durch konditionierten Kommandogehorsam erfahren, ist es auch wenig verwunderlich, dass es einige unter ihnen gibt, die durch derartige Methoden nur sehr schwer oder gar nicht lernen.

Konditionierung basiert heutzutage meistens auf dem System der positiven Verstärkung. Der Hund wird zu Verhalten motiviert indem ihm eine Belohnung in Aussicht gestellt wird. Als Belohnung wird hier entweder Spielzeug oder Futter verwendet. Damit der Hund diese Dinge auch als belohnend empfindet, muss er entweder über einen ausgeprägten Beute- oder Futtertrieb verfügen. Fehlt die Begierde nach Beute und Futter, wird ein Hund auch schwer zu Verhalten zu motivieren sein. Gerade bei Hunden die ängstlich oder sehr unsicher sind, fruchten Konditionierungsversuche meist nur schwer.

Zeigt ein Hund sehr ausgeprägtes Territorialverhalten, kann es ebenfalls lohnenswerter für ihn sein das Umfeld in dem er sich gerade aufhält zu beschnuppern, als etwas für Futter oder Spielzeug zu tun. In diesen Fällen bedarf es sehr viel Geduld, viel Wissen über die Förderung von Trieben und Verständnis für die Bedürfnisse des Hundes. Dann kann auch bei diesen Hunden Konditionierung gelingen. Aber genau diese Fälle sind es meist, die als unerziehbar abgestempelt werden. Wenn zudem noch Aggression hinzukommt, wird man keinen Erfolg mit dem Konditionieren von Erziehung haben. Meist wird dann der Hund als Alphatier bezeichnet um damit wieder den Hund als Ursache für das Versagen des Trainers oder der Lernmethode darzustellen.

Das Einzige was diesem Hund fehlt ist ein Sozialpartner, der ihm Orientierung gibt, der in der Lage ist seine Angst abzubauen und der seine Bedürfnisse erkennt. Wenn Sie diese Rolle in der Beziehung zu Ihrem Hund ausfüllen können dann wird es vollkommen nebensächlich sein, ob Ihr Hund sich auf Ihr Kommando hin absetzt oder nicht.

Kommandogehorsam hat aus unserer Sicht nichts mit tatsächlicher Erziehungsarbeit gemeinsam. Hunde die sich schwer tun Kommandos zu lernen sind nicht zwangsläufig schwer erziehbar. Ganz im Gegenteil. Oft sind es die ängstlichsten und aggressivsten Hunde, die dankbar dafür sind, wenn der Menschen ihnen Verantwortung abnimmt und in der Lage ist seine Bedürfnisse zu erfüllen und ihm Sicherheit und Orientierung zu geben.

Unter Erziehung versteht man die geleitete Einübung von Normen, die in einem gegebenen Umfeld vorausgesetzt werden. Dass ein Hund diese Normen und Regeln des gemeinsamen Zusammenlebens lernt, dafür trägt der Mensch die Verantwortung. Niemand anderes kann und wird ihm diese Dinge beibringen. Wenn der Hund also sprichwörtlich „unerzogen“ ist, liegt das nicht am Hund sondern an dem, der für seine Erziehung die Verantwortung trägt. Wenn ein Hund etwas nicht begreift, dann ist nicht der Hund schuld, sondern wir - weil wir nicht in der Lage sind es ihm begreiflich zu machen.

Oft hört man von Ausbildern „der weiß genau, was ich von ihm will“. Wenn es so wäre, dann würde der Hund auch tun, was ich von ihm will.

Das Verrückte dabei ist, dass viele das einfachste theoretische Basiswissen vergessen, wenn sie auf dem Hundeplatz stehen.

Wenn ein Hund zum Beispiel gelernt hat, sich auf ein Kommando hinzusetzen, dann könnte man meinen, dass er weiß was ich von ihm will. Dem ist aber bei Weitem nicht so. Denn mein Kommando ist lediglich ein Angebot an den Hund, dass wenn er das gewünschte Verhalten zeigt, auch belohnt wird. Mit einem Kommando wecke ich also nur die Erwartung auf die Belohnung und mehr nicht. Wenn der Hund keinen Wert auf die Belohnung legt, wird er mein Angebot auch nicht annehmen und lieber die Dinge tun, die in dem Moment wichtiger für ihn sind (mehr dazu finden Sie in meinem Buch „Das Alpha Projekt“).

Der Hund lernt durch konditioniertes Verhalten, welches durch positive Verstärkung erlernt wurde nicht wann Sie ein Verhalten zwingend erwarten oder wann Sie ihm lediglich ein Angebot unterbreiten. Er kann nicht unterscheiden zwischen MUSS und KANN. Letzten Endes macht er das was er gelernt hat, was Sie ihm beigebracht haben - nicht mehr und nicht weniger.

Aber selbst wenn der Hund auf dem Hundeplatz „funktioniert“ bedeutet das noch lange nicht, dass der Trainingserfolg auch in den heimischen Gefilden sichtbar wird. Wenn sich das Problemverhalten nur auf dem Hundeplatz ändert und nicht im Alltag, verlieren viele Hundebesitzer schnell die Motivation, weil Sie ratlos sind und letzten Endes den Hund für den mangelnden Lernerfolg verantwortlich machen. Dann sucht man irgendwelche Ausreden, warum der Hund so ist wie er ist. Mal ist es die Rasse, mal seine schlechte Sozialisierung und dann sind da ja noch die schrecklichen Erlebnisse im Welpenalter, die er gehabt haben muss – sonst würde er ja so lieb sein wie die anderen.

Das Einzige, was man dem Hund dabei vorwerfen kann ist, dass er ein Hund ist und in einer anderen Welt lebt als wir Menschen. Obwohl er sich gerade bei der Situation auf dem Hundeplatz genauso verhält, wie wir Menschen.

Wenn wir uns in einem neuen, uns völlig unbekannten Umfeld befinden und dazu noch fremde Menschen um uns haben, dann verhalten wir uns zunächst abwartend und zurückhaltend. Wir beobachten und lernen dabei, wer das Sagen hat und wo wir uns aufhalten können, ohne jemanden zu provozieren. Wenn sich nach einiger Zeit herausgestellt hat, wer die Entscheidungen trifft, schließen wir uns demjenigen an, wenn es Sinn für uns macht. Gibt es niemanden, an dem wir uns halten können, werden wir versuchen alleine klarzukommen.

Nichts anderes tut unser Hund, wenn er zum ersten Mal beispielsweise auf einem Hundeplatz ist. Er beobachtet und merkt meist sehr schnell, dass er sich an den Trainern oder Übungsleitern orientieren kann, wenn diese in der Lage sind für Sicherheit in der Gruppe zu sorgen und Konflikte gar nicht erst entstehen zu lassen. Es ist also folgerichtig, dass sich diese Hunde dann auch bereitwilliger unterordnen und sich auf die Aufgaben konzentrieren, die ihnen gestellt werden.

Zu Hause im heimischen Revier sieht die Situation dann meist ganz anders aus. Hier trägt der Hund die Verantwortung für sein Territorium. Einen Trainer, der seine Probleme löst gibt es hier nicht. Was bleibt dem Hund übrig? Er verhält sich so wie immer. Aufgaben aus der Hundeschule oder dem Hundeplatz haben hier nachrangige Bedeutung. Die Kontrolle des Reviers und das Behaupten gegen Konkurrenten sind hier wichtiger.

Diese Situation kann sich natürlich bei verschiedenen Hunden auch verschiedenartig darstellen. Hunde die Angstverhalten oder zu aggressiven Verhalten neigen, reagieren hier anders als der Labrador, der nur an der Leine zieht.

Spätestens hier wird jedoch eins klar. Der Hund passt sich an. Er orientiert sich an seinem Umfeld und an den Sozialpartnern, die ihn umgeben. Letzten Endes wird sich der Hund immer an dem orientieren, der ihn führt. Ein erfahrener Hundetrainer wird in der Lage sein jedem Hund in kurzer Zeit Orientierung zu geben. Deshalb wird sich der Hund auch anders verhalten als bei seinem Besitzer. Sobald nun der Hund wieder von seinem Besitzer geführt wird, wird sich auch sein Verhalten anpassen und in das gewohnte Schema zurückfallen.

Es ist keine Magie oder Hundeflüsterei, die der Trainer anwendet, um den Hund problemlos zu führen. Auch jahrzehntelange Erfahrung ist nicht Voraussetzung, um Problemverhalten zu ändern. Versteht man die Welt eines Hundes und ist in der Lage seine Bedürfnisse zu erfüllen, wird Problemverhalten schnell zu einem Fremdwort. Voraussetzung ist, dass man versteht warum man etwas tut und warum man es gerade so und nicht anders macht. Erst dadurch wird man sicher im Umgang mit seinem Hund. Wenn der Hund also Problemverhalten zeigt, oder „unerziehbar“ scheint, dann muss sich das Verhalten des Menschen ändern. Und genau das ist umso schwerer, desto länger man sich selbst falsch verhalten hat. Gerade in älteren Hund-Mensch-Beziehungen ist es schwer Erfolge bei der Erziehungsarbeit zu erzielen. Der Hund lernt meist innerhalb weniger Stunden, egal welchen Alters er ist. Das Problem ist auch hier wieder der Mensch, der seine eigenen langjährig eingefahrenen Verhaltensweisen nicht ablegen kann. Meist aus Gewohnheit oder „Das war schon immer so“- Mentalität. Deshalb ist der erste Weg zur Besserung von Problemverhalten beim Hund die Selbsterkenntnis über das, was man selbst ändern muss.

„Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.“
(Albert Einstein)

Mehr zum Thema können Sie in unserem Buch „Das Alpha Projekt“ nachlesen.

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